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Prävention ohne erhobenen Zeigefinger: Nikotin in der offenen Jugendarbeit

Die angewandten Grundlagen der akzeptierenden Jugend- und Suchtarbeit ermöglichen es jungen Menschen, ihren Nikotinkonsum ohne Bewertung, Stigmatisierung oder moralische Vorwürfe zu reflektieren, die dahinterliegenden Motivationen zu hinterfragen und bestmögliche gesundheitsbewusste Entscheidungen in ihrem Alltag zu treffen.

Sinnhaftigkeit und Alltagsnähe der Angebote sind dabei zentral, um möglichst viele Konsument*innen zu erreichen. Respekt und Offenheit bilden die Basis dieser Herangehensweise.
Gerade in dieser Altersgruppe kommt der Nikotinprävention eine besondere Rolle zu, obwohl sie bisher mitunter nur stiefmütterlich behandelt wurde.

Nikotin im Alltag (von Jugendlichen)

Nikotinkonsum wird in unserer Gesellschaft aufgrund seiner nicht berauschenden Wirkung oft als wenig bedenklich eingestuft, ist häufig sozial eingebettet und in der Bevölkerung breit akzeptiert. Er führt nicht sofort zu erkennbaren Veränderungen im Verhalten oder im Aussehen. Da Nikotin nicht berauschend wirkt und es die Wahrnehmung nicht spürbar verändert, fallen Menschen, die diese Substanz konsumieren, im Alltag in der Regel nicht auf. Neben Alkohol zählt Nikotin in Österreich jedoch zu den am häufigsten konsumierten psychoaktiven Substanzen und die Abhängigkeit davon zu den am weitesten verbreiteten Abhängigkeiten im Land. Die gesundheitsgefährdenden Auswirkungen sind weitläufig bekannt. Nikotin verdient daher Beachtung in der Prävention.

Gesetzlich ist der Konsum – etwa durch das Tabak- und Nichtraucherinnen- bzw. Nichtraucherschutzgesetz (TNRSG) und das Jugendgesetz – klar geregelt: Junge Menschen dürfen Nikotin, das als psychoaktive Substanz eingestuft wird, erst ab dem 18. Lebensjahr konsumieren. Dies gilt für jedes Nikotinprodukt, also auch für Tabakerhitzer, Vapes, Pouches und Co. – aber auch nikotinfreie Produkte fallen unter das Verbot.

Trotz dieser gesetzlichen Altersbeschränkung gelangen diverse Fabrikate zunehmend in die Hände von Minderjährigen. Durch bunte, gezielte Werbung und die Positionierung als Lifestyle‑Produkt gewinnt die Tabak- und Nikotinindustrie ihre Kundschaft von morgen. Durch das besondere Wirkprofil von Nikotin – von entspannend bis aktivierend – bleibt die Substanz Nikotin weiterhin tückisch und hochgradig suchterzeugend.

Prävention durch Anerkennung und Akzeptanz

Langjährige Erfahrungen im Präventionsbereich zeigen, dass Abschreckung, Tabuisierung und moralischer Druck bei (jungen) Menschen wenig Wirkung erzielen.

Natürlich wünschen wir uns, dass Jugendliche ohne besondere Schwierigkeiten zu gesunden und selbstbewussten Erwachsenen heranwachsen. Die Pubertät mit ihren vielen Entwicklungsaufgaben ist jedoch eine stürmische Lebensphase, in der Weichen für das weitere Leben gestellt werden. Vielfältige Herausforderungen müssen bewältigt und eigene Wege sowie Strategien erprobt und entwickelt werden. Dazu kann auch das Ausprobieren von Substanzen gehören und das Sammeln von Grenzerfahrungen.

Wenn aus dem Probieren ein problematisches Konsummuster entsteht

Für viele Jugendliche erfüllt Nikotin bestimmte Funktionen: den Wunsch nach Zugehörigkeit oder Anerkennung, das Überschreiten von Grenzen, neugieriges Erkunden oder das schnelle Erleben von Entspannung bzw. Aktivierung. Die neuartigen Erzeugnisse ermöglichen außerdem unbemerkten Konsum und lassen damit Verbote umgehen. Der Konsum passiert mitunter „zwischendurch“. Er wird damit auch regelmäßiger und unübersichtlich. Aufgrund des hohen Suchtpotenzials von Nikotin kann sich sehr rasch ein festgefahrenes, problematisches Konsumverhalten entwickeln.

In kurzer Zeit kann ein Gefühl des „Brauchens“ entstehen – die Substanz wird dann gezielt eingesetzt, um Bedürfnisse zu befriedigen. Ein ausgeprägtes Problembewusstsein ist in dieser Phase meist noch nicht vorhanden. Dadurch steht der Wunsch nach einem vollständigen Konsumstopp selten im Vordergrund.

Die grundlegende Ausrichtung der akzeptierenden Jugend‑ und Suchtarbeit bietet hier wirkungsvolle Möglichkeiten, konsumierende junge Menschen adäquat zu begleiten. Schadensminimierung und Empfehlungen für den möglichst sicheren Gebrauch werden von Jugendlichen als hilfreich und unterstützend wahrgenommen, während Autonomie und Selbstbestimmung gewahrt bleiben.

Zentrale Prinzipien einer akzeptierenden Grundhaltung

  • Anerkennung der Lebensentwürfe: Konsument*innen werden in ihrer Lebensrealität akzeptiert und respektiert. Ziel ist nicht zwangsläufig Abstinenz, sondern primär die Stabilisierung und – in weiterer Folge – die Verbesserung der gesundheitlichen und sozialen Situation.
  • Schadensminimierung (Harm Reduction): Selbst‑ und Fremdschädigungen sollen bestmöglich reduziert bzw. minimiert werden. Ein reflektierter Substanzkonsum und eine daraus resultierende Konsumreduktion stellen wichtige und legitime Zwischenschritte dar, die weitere positive Entwicklungen ermöglichen können.
  • Niedrigschwelliger Zugang: Präventive Angebote müssen sinnvoll, alltagsnah, leicht zugänglich und frei von Scham gestaltet sein. Nur so werden diese von Jugendlichen als attraktive und nutzbare Unterstützung wahrgenommen.

Worauf lässt sich schadensminimierend eingreifen?

Der Konsum von Nikotin hat psychische, physische und soziale Auswirkungen. Nicht wertende Informationen müssen daher all diese Ebenen berücksichtigen und verständlich vermittelt werden. In Kombination mit den eigenen Konsumerfahrungen der*des Jugendlichen bilden diese Informationen eine wichtige Grundlage zur Entwicklung einer persönlichen Haltung und ermöglichen einen reflektierten, verantwortungsvollen Umgang mit der Substanz.

Gelingt es jungen Konsument*innen, ihren Konsum hinsichtlich Motivation, Menge, Frequenz und Wirkung zu reflektieren und in weiterer Folge bewusst zu steuern, fällt es ihnen deutlich leichter, im Alltag gesundheitsbewusste Entscheidungen zu treffen. Genau hier zeigt sich die Wirksamkeit einer akzeptierenden, schadensminimierenden Haltung.

Diese Grundhaltungen machen einen erheblichen Unterschied. Über Harm Reduction zu sprechen und Safer-Use-Strategien zu vermitteln ist wirksamer, als ausschließlich auf abstinenzorientierte Botschaften zu setzen.

Der Fokus verschiebt sich dabei weg von Bewertung, Stigmatisierung und Verbot – hin zu einer realitätsnahen, empowernden Unterstützung, die Autonomie stärkt und gesundheitsbewusstes Verhalten tatsächlich begünstigt.

Maßnahmen zur Risikominimierung und Empfehlungen für den möglichst sicheren Gebrauch

Konsumverhalten bewusst machen

  • Wann/wo ist das Craving/Suchtdruck besonders spürbar?
  • Impulskontrolle, wenn das Verlangen groß wird (3, denn jedes Verlangen vergeht auch wieder)
  • Genuss versus Gewohnheit → sich den Unterschied klar machen
  • Konsumfreie Tage planen
  • Alternativen einsetzen (z. B. Atemregulation zur Entspannung, Fingerring, geschmacksintensives Zuckerl)

Individuelle Strategien stärken (Verhaltensprävention)

  • Nein (laut/leise) sagen üben
  • Ablehnung über Gesten oder entwaffnende Sprüche Ausdruck verleihen

Sichere Nutzung fördern

  • Keine Mehrfachverwendung oder Tausch (z. B. Vapes, Mundstücke)
  • Kein Mischkonsum mit Alkohol oder anderen Substanzen, auch keine ätherischen Öle oder dergleichen als Liquids verwenden
  • Bei Nebenwirkungen Konsumpause
  • Ein Produkt statt „Multiple Use“
  • Filter kritisch bewerten (z. B. Aktivkohle): Es gibt Hinweise darauf, dass ihr tatsächlicher Nutzen geringer ist als angenommen.
  • Nikotinmenge und Inhaltsstoffe beachten

Produktspezifische Hinweise beachten

  • Geprüfte Geräte bevorzugen (Billig- und Einweggeräte meiden)
  • Gekennzeichnete Produkte nutzen (z. B. Nikotingehalt)

Umgebungsfaktoren miteinbeziehen

  • Nicht in engen Räumen, im Auto und in Gegenwart von Kindern rauchen bzw. dampfen
  • Produkte nicht offen herumliegen lassen (Vergiftungsgefahr!)
  • Räume gut lüften
  • Bewusstsein für Haupt-/Nebenstromrauch schaffen: Nicht nur der ausgeatmete Rauch, sondern auch das Glimmen der Zigarette oder der entstehende Rauch von Tabakerhitzern sind gesundheitsgefährdend für andere Personen im näheren Umfeld.
  • „Third‑Hand Smoke“ berücksichtigen: Ablagerungen von Nikotin- oder Teer an Kleidung, Haaren und Einrichtungsgegenständen oder Wänden können weiter an die Umgebungsluft abgegeben werden und beim Einatmen zu Gesundheitsschädigungen fü

Begleitung und Weitervermittlung

Präventive Angebote sollen individuell, bedarfsorientiert und niedrigschwellig sein. Bei konsumbedingten Problematiken ist eine Weitervermittlung wichtig. Besonders empfehlenswert ist das kostenlose und anonyme Rauchfrei Telefon unter 0800 810 013.

Akzeptierende Suchtarbeit und Gesundheitsförderung schließen einander nicht aus

Die akzeptierende Jugend‑ und Suchtarbeit verbindet Akzeptanz und Respekt vor individuellen Lebensentwürfen mit konkreter Gesundheitsförderung. Ziel ist es, durch vertrauensvolle, barrierefreie und informationsbasierte Zugänge sowohl akute Risiken zu reduzieren als auch langfristig Perspektiven für Konsumreduktion oder Abstinenz zu eröffnen.

Quellen:

Amann, K. et al. (2023). Tabak- und Nikotinprävention in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit. Suchtmagazin 49(6), 28–32. Zugriff am 09.02.2026: https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=sum-003%3A2023%3A49%3A%3A275

Anzenberger, J., Akartuna, D., Busch, M., Klein, C., Schmutterer, I., Schwarz, T., & Strizek, J. (2023). Epidemiologiebericht Sucht 2023—Illegale Drogen, Alkohol und Tabak. Gesundheit Österreich GmbH.

Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.). (2023). Risiken von E-Zigaretten und Tabakerhitzern. Zugriff am 01.07.2025: https://www.dkfz.de/de/krebspraevention/Downloads/pdf/Buecher_und_Berichte/2023_Risiken-von-E-Zigaretten-und-Tabakerhitzern.pdf

Deutsches Krebsforschungszentrum (Hrsg.). (2015). Gesundheitsrisiko Nikotin. Fakten zum Rauchen. Zugriff am 01.07.2025: https://www.dkfz.de/fileadmin/user_upload/Krebspraevention/Download/pdf/FzR/FzR_2015_Gesundheitsrisiko-Nikotin.pdf

Foissner, M., Leoni, M., Zima, B., David, M., Wolf, S., Quendler, M., Tobolka, M., Roth, F., Fischer, A., Jeitler, M., & Tscherwizek, G. (2010). Qualitätssicherung Mobile Jugendarbeit in NÖ. Zweites Handbuch. NÖ Landesregierung.

Schmutterer, I., Klein, C., Akartuna, D. (2023). Neue Nikotinerzeugnisse in Österreich. Factsheet. Gesundheit Österreich GmbH.

World Health Organization (2025). WHO position on Tobacco Control and Harm Reduction [Positionspapier]. Zugriff am 09.02.2026: https://cdn.who.int/media/docs/default-source/tobacco-hq/whoposition-nov12.pdf?sfvrsn=dc1f37d3_3&download=true

 

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