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Suchtprävention im Klassenzimmer: Grundsätzliche pädagogische Leitlinien für einen sensiblen Umgang

In enger Abstimmung der Bildungsdirektion NÖ, der Schulpsychologie NÖ und der Fachstelle für Prävention NÖ möchten wir hier Empfehlungen geben, wie Filme über Drogenkarrieren oder Vorträge ehemaliger Abhängigkeitserkrankter eingeordnet werden können. Wirksame Suchtprävention setzt auf evidenzbasierte Ansätze, die Lebenskompetenzen stärken, kritisches Denken fördern und nachhaltige Schutzfaktoren aufbauen – nicht auf abschreckende Darstellungen oder biografische Schilderungen.

Nachfolgend finden Sie praxisorientierte Empfehlungen für Pädagog*innen zur Thematisierung in der Klasse.

Warum „Drogenkarriere-Filme“ und Erfahrungsberichte aus suchtpräventiver Sicht nicht wirksam sind

Immer wieder werden Vorträge, Workshops oder Führungen von ehemaligen Abhängigkeitserkrankten als vermeintlich erfolgreiche Maßnahme in der Suchtprävention angeboten. Aus suchtpräventiver Sicht sind solche Erfahrungsberichte für Jugendliche jedoch nicht empfehlenswert.

  • Keine automatische Expertise
    Allein die Tatsache, dass jemand eine Abhängigkeit überwunden hat, macht diese Person nicht automatisch zur Expertin oder zum Experten für Prävention. Für wirksame Präventionsarbeit ist spezifisches Fachwissen sowie die Berücksichtigung aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse erforderlich.
  • Offizielle Empfehlung
    Die Grundsätze schulischer Suchtprävention (Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung) führen unter Punkt 9 ausdrücklich an, dass abschreckende Filme und der Einsatz von ehemaligen Süchtigen als Präventionsmaßnahme abzulehnen und ineffektiv sind.

Risiken solcher Maßnahmen

  • Neugier und Faszination für Substanzen werden geweckt.
  • Starke Fokussierung auf die konsumierten Drogen.
  • Missverständnis als „Erfolgsmodell“: „Wenn er/sie es geschafft hat, schaffe ich das auch.“
  • Unvorhersehbare Inhalte und Botschaften

Wissenschaftlich fundierte Standards für die Suchtprävention

(z. B. das  Europäisches Präventionscurriculum. Edition: psychoaktive Substanzen– EUPC) umfassen folgende Kernprinzipien:

  1. Wissensbasierte Ansätze: Prävention soll auf wissenschaftlich fundierten Methoden beruhen, nicht auf Angst oder Moralisierung.
  2. Lebenskompetenzförderung: Stärkung von Selbstwirksamkeit, kritischem Denken, Entscheidungsfähigkeit
  3. Umfeldorientierung: Berücksichtigung sozialer, kultureller und ökonomischer Kontexte
  4. Partizipation: Jugendliche aktiv einbeziehen, nicht „nur belehren“
  5. Realistische Risikokommunikation: Keine Dramatisierung, sondern differenzierte Darstellung von Risiken und Schutzfaktoren
  6. Medienkompetenz: Förderung der Fähigkeit, Inhalte kritisch zu reflektieren

Näheres können Sie auch unter Wissenschaftliche Grundlagen der Suchtprävention nachlesen.

Pädagogische Aufarbeitung

Im Hinblick auf die aktuell breit wahrgenommene Netflix-Dokumentation Babo über den Rapper Haftbefehl – und grundsätzlich für alle Filme oder Vorträge, die durch die Darstellung einer Drogenkarriere sowie des Ausstiegs Jugendliche sensibilisieren oder abschrecken sollen, – können die folgenden Hinweise zur pädagogischen Aufarbeitung genutzt werden.

Ziel: Das Thema so zu gestalten, dass es die Lebenswelt der Jugendlichen erreicht und eine reflektierte Auseinandersetzung ermöglicht.

Die Doku zeigt Haftbefehls Lebensweg, geprägt von schwierigen sozialen Bedingungen, Gewalt, Kriminalität und Drogenbezug. Das kann für Jugendliche faszinierend, aber es kann auch riskant sein, wenn die Doku unreflektiert konsumiert wird.

1. Kontextualisierung statt Moralisierung
  • Erklären, dass die Doku eine Inszenierung ist und nicht die ganze Realität abbildet
  • Thematisieren, wie Medien Geschichten zuspitzen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Ziel: Jugendliche sollen verstehen, dass Medieninhalte nicht 1:1 die Realität widerspiegeln, sondern inszeniert sind, und lernen, diese kritisch einzuordnen.

2. Kritische Medienanalyse fördern

Leitfragen:

  • Welche Botschaften vermittelt die Doku über Erfolg, Männlichkeit, Rollenbilder, Macht?
  • Welche Risiken werden gezeigt – und welche werden ausgeblendet?

Ziel: Förderung von Medienkompetenz und kritischem Denken, um zwischen Faszination und Realität unterscheiden zu können

3. Lebenskompetenzen stärken
  • Diskutieren: Welche Alternativen hätte es gegeben? Welche Schutzfaktoren fehlen?
  • Übungen zu Entscheidungsfindung und Umgang mit Gruppendruck

Ziel: Jugendliche befähigen, eigene Entscheidungen reflektiert zu treffen und Strategien zur Bewältigung von Drucksituationen zu entwickeln.

4. Suchtpräventive Aspekte herausarbeiten
  • Haftbefehls Geschichte nutzen, um über Risikofaktoren für Sucht zu sprechen:
    • Armut, Gewalt, fehlende Perspektiven (Trias: Umwelt – Individuum – Substanz/Verhalten).
  • Gleichzeitig Schutzfaktoren thematisieren:
    • Bildung, soziale Unterstützung, positive Freizeitgestaltung (Trias: Umwelt – Individuum – Substanz/Verhalten).

Ziel: Verständnis für die komplexen Ursachen von Sucht und für die Bedeutung von Schutzfaktoren fördern.

5. Keine Glorifizierung – aber auch keine Verteufelung
  • Rap und Popkultur sind für viele Jugendliche identitätsstiftend.
  • Statt „Rap ist schlecht“ → Diskussion über Ambivalenz: Kunstform vs. problematische Inhalte

Ziel: Differenzierte Auseinandersetzung mit kulturellen Ausdrucksformen ermöglichen, ohne pauschale Verurteilung

6. Partizipative Methoden
  • Jugendliche eigene Fragen entwickeln lassen
  • Kreative Ansätze: z. B. eigene Texte schreiben, die alternative Lebenswege zeigen

Ziel: Aktive Beteiligung und Selbstwirksamkeit fördern, um Prävention nicht als Belehrung, sondern als gemeinsames Gestalten zu erleben

Quellen:

BMBWF. (2018). Grundsätze schulischer Suchtprävention. Grundsätze schulischer Suchtprävention. http://www.schulpsychologie.at/fileadmin/upload/psychologische_gesundheitsfoerderung/Suchtpraevention/grundsaetze_schulischer_suchtpraev.pdf

FINDER Akademie. (2021). Europäisches Präventionscurriculum. Handbuch zur wissenschaftsbasierten Prävention für Entscheidungsträger, Meinungsbildner und Politiker. Edition: Psychoaktive Substanzen. https://finder-akademie.de/wp-content/uploads/EUPC-Manual-Psychoaktive-Substanzen.pdf

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