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Wie entsteht digitale Gewalt und welche Rolle spielen soziale Netzwerke dabei? Warum wenden sich manche Jugendliche extremistischen Ideologien zu? Wie lassen sich Delinquenz und Gewalt im Jugendalter einordnen, ohne vorschnell zu urteilen? Und welchen Beitrag leisten Empathie, verlässliche Beziehungen und Unterstützungssysteme, um junge Menschen zu stärken und Gewalt sowie anderen problematischen Entwicklungen vorzubeugen?
Diesen Fragen widmete sich die Fachtagung „Gewaltprävention im Fokus – Wege aus digitaler Verrohung, Radikalisierung und jugendlicher Delinquenz“ der Fachstelle für Prävention NÖ. Expert*innen aus Medienwissenschaft, Extremismusprävention sowie der Kinder- und Jugendpsychiatrie beleuchteten aktuelle Herausforderungen und gaben Einblicke in mögliche Handlungsansätze für die berufsfeldbezogene Praxis und den familiären Alltag.
Die Vorträge der Autorin und Journalistin Mag.a (FH) Ingrid Brodnig, der Soziologin und Pädagogin Eșim Karakuyu, BA, von der „Beratungsstelle Extremismus“, sowie des Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. med. univ. Valentin Wollenek eröffneten unterschiedliche fachliche Perspektiven auf das Thema. Welche zentralen Inhalte und Kernbotschaften die Vortragenden vermittelt haben, erfahren Sie im folgenden Rückblick.
Den Auftakt der Veranstaltung machte Mag.<sup>a</sup> (FH) Ingrid Brodnig mit ihrem Vortrag „Digitale Gewalt – über die Gefahren der Verrohung und Möglichkeiten, Empathie zu fördern“.
Ingrid Brodnig zeigte auf, dass soziale Netzwerke vor allem Inhalte sichtbar machen, die Aufmerksamkeit binden und viele Reaktionen hervorrufen. Inhalte, die Wut oder moralische Empörung auslösen und provokante oder spaltende Aussagen enthalten („Ragebait“), erzielen dadurch oft besonders hohe Reichweiten.
Digitale Gewalt zeigt sich unter anderem in Hasspostings, sexistischen und rassistischen Beleidigungen sowie sexualisierten Deepfakes. Feindselige Online-Communities können solche Inhalte verstärken. Die wiederholte Konfrontation mit Hass, Beleidigungen und Bedrohungen kann zudem dazu beitragen, dass sich gesellschaftliche Wahrnehmung und Normen verschieben. Aussagen wie „Das erlebt man halt“ bezeichnet Brodnig als einen „zivilisatorischen Rückschritt“, weil sie die Folgen für Betroffene, insbesondere für Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund und junge Frauen, ausblenden.
Pädagog*innen, Eltern und Erziehungsberechtigte können Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen, die Folgen des eigenen Handelns im Netz zu reflektieren und digitale Inhalte kritisch zu hinterfragen. Auch die bewusste Wahrnehmung eigener Gefühle und Reaktionen, etwa im Sinne eines „achtsamen Wütendseins“, kann dazu beitragen, Grenzen nicht zu überschreiten.
Unterstützung für Betroffene sowie der Verweis auf Hilfsangebote wie Rat auf Draht oder ZARA sind weitere wichtige Bausteine im Umgang mit digitaler Gewalt.
Sie möchten tiefer in das Thema eintauchen? Im Video auf dem Youtube-Kanal der Fachstelle für Prävention NÖ hören und sehen Sie Ingrid Brodnig ausführlich über die Hintergründe digitaler Gewalt sprechen, konkrete Beispiele geben und Handlungsmöglichkeiten aufzeigen:
Im Anschluss richtete Eșim Karakuyu, BA von der „Beratungsstelle Extremismus“ den Blick auf das Thema „Gemeinsam gegen Radikalisierung: Wissen und Handlungskompetenz für alle, die Jugendliche begleiten“ und hob dabei folgende Kernbotschaften hervor:
Extremistische Ideen und Gruppierungen weisen laut Eșim Karakuyu häufig Merkmale wie Ungleichwertigkeitsvorstellungen, Autoritarismus und Gewalt auf. Radikalisierung entsteht meist nicht plötzlich, sondern entwickelt sich schrittweise. Am Anfang stehen oft Gefühle von Entfremdung und Unmut. Dabei wirken sogenannte Push-Faktoren (z. B. Perspektivenlosigkeit, Ausgrenzungserfahrungen oder ein fehlendes Zugehörigkeitsgefühl) und Pull-Faktoren (z. B. Möglichkeiten der Selbstverwirklichung oder das Erleben von Gemeinschaft und Zugehörigkeit in Form einer vermeintlichen „Ersatzfamilie aus „Brüdern“, „Schwestern“ oder „Kameraden“) zusammen.
Nicht jeder Fall von Radikalisierung oder Extremismus kann gleich betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht die Frage: „Welche Person steht gerade vor mir?“ Karakuyu regte an, neben extremistischen Einstellungen und Aussagen auch die dahinterliegenden Bedürfnisse, Brüche, Unsicherheiten und Ressourcen in den Blick zu nehmen. Aspekte wie Sicherheit, Anerkennung, Schutz, Orientierung oder Zugehörigkeit können dabei bedeutsam und Ansatzpunkte für Gespräche sein.
Beziehungsarbeit, eine reflektierte Haltung und die Analyse des jeweiligen Kontexts bilden zentrale Grundlagen der Präventionsarbeit. Junge Menschen brauchen Zeit und Raum für Reflexion sowie Alternativen zu extremistischen Denk- und Lösungsangeboten. Ambivalenzen können dabei wichtige Ansatzpunkte für Veränderungen sein. Eine Schlüsselrolle kommt dabei Multiplikator*innen zu, die als Begleiter*innen und Vorbilder mit jungen Menschen im Gespräch bleiben.
Die hier zusammengefassten Kernbotschaften geben einen ersten Einblick in die Inhalte des Vortrags.
Zum vollständigen Vortrag von Eșim Karakuyu gelangen Sie hier:
Eșim Karakuyu, BA
Gemeinsam gegen Radikalisierung: Wissen und Handlungskompetenz für alle, die Jugendliche begleiten
Im dritten und abschließenden Vortrag „Breaking Bad? – Psyche, Risiko und Delinquenz“ beleuchtete Dr. med. univ. Valentin Wollenek aus kinder- und jugendpsychiatrischer Perspektive Entwicklungen im Bereich Gewalt und Delinquenz sowie die Bedeutung einer wirksamen Gewaltprävention, die Jugendliche stärkt und sie als Teil der Lösung begreift.
Valentin Wollenek betont, wie wichtig Schutzfaktoren auf Ebene von Individuum, Familie, Schule, Peers und Sozialraum sind. Kognitive und Selbstregulationskompetenzen, verlässliche Beziehungen, Schulverbundenheit und Zugehörigkeit ohne Gewalt- oder Gruppendruck sowie eine sichere unterstützende Umgebung können junge Menschen stärken. Dazu gehören: (professionelle) Neugier und Beziehungsarbeit; etablierte Vertrauenspersonen schon „bevor etwas passiert“; die Entstigmatisierung psychischer Probleme sowie die Bereitschaft, Jugendliche „zu Wort kommen zu lassen“, ernst zu nehmen und Beteiligung zu ermöglichen.
Mehr Anzeigen von Gewaltdelikten bedeuten nicht automatisch, dass eine ganze Generation gewaltbereiter ist. Jugendliches Verhalten muss im Kontext der Entwicklungsaufgaben der Adoleszenz betrachtet werden. Impulsivität, Belohnungssuche und unreife Selbststeuerung können situativ Risiken erhöhen.
Für den Umgang mit Delinquenz plädiert Wollenek dafür, Auslöser, Funktionen, Beziehungsmuster und Ressourcen gemeinsam zu klären. Notwendig sind klare Grenzen sowie eine individualisierte, multidisziplinäre Betreuung unter Einbeziehung von Familie, Schule, Jugendhilfe, Medizin und weiteren Unterstützungssystemen. Entscheidend sind verlässliche Beziehungen, erreichbare Hilfsangebote, konkrete Ziele und überprüfbare nächste Schritte. Gewaltprävention gelingt dort, wo Unterstützung koordiniert, Perspektiven eröffnet und langfristig drangeblieben wird.
Welche neurobiologischen Erklärungsansätze gibt es für die Entwicklung (gewalt)delinquenten Verhaltens? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen psychiatrischen Diagnosen und Gewalt? Neugierig geworden?
Mehr dazu im vollständigen Vortrag von
Dr. med. univ. Valentin Wollenek
Breaking Bad? – Psyche, Risiko und Delinquenz
Die Vorträge machten insgesamt deutlich, dass Gewaltprävention eine gemeinsame Aufgabe ist. Sie beginnt dort, wo Menschen hinschauen, zuhören und mit jungen Menschen in Beziehung bleiben, ihre Bedürfnisse, Lebenswelten und Entwicklungsaufgaben verstehen sowie Orientierung und verlässliche Unterstützung bereitstellen.
Die Fachstelle für Prävention NÖ bedankt sich bei allen Vortragenden für ihre fachlichen Impulse sowie bei den zahlreichen Teilnehmer*innen für ihr Interesse, ihre Fragen und den bereichernden Austausch.
Nähere Informationen zum Programm und zur Anmeldung finden Sie rechtzeitig vor der Veranstaltung auf unserer Homepage. Wir freuen uns, wenn Sie dabei sind.
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