Ein kleiner Junge, der mit seinem Teddy wegen Unfug im Wohnzimmer in der Ecke sitzt. © Tomsickova - stock.adobe.com

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Gewaltprävention im Kleinkindalter

Alle Kinder und Jugendlichen haben ein Recht auf ein sicheres und gewaltfreies Aufwachsen und Leben (UN-Kinderrechtskonvention). Ein schöner Satz, der aber leider für viele Kinder nur theoretisch zutrifft.

Gewalt gegenüber Kindern beginnt nicht erst bei der „gsundn Watschn“, sondern schon viel früher. Gewalt ist es auch, wenn Kinder angeschrien werden, weil sie ihren Saft verschüttet haben; wenn eine volle Windel den ganzen Tag nicht gewechselt wird; Gewalt ist auch, wenn Kinder im Zimmer eingesperrt werden, weil sie nicht „hören können“ oder wenn sie als dumm bezeichnet werden, wenn sie nicht schnell genug „sauber“ werden. All das ist ebenso Gewalt und kann genauso viel emotionalen Schaden anrichten wie eine Ohrfeige.

So wie oben beschrieben sieht der Alltag für viele Kinder aus, es gehört zu ihrem Aufwachsen und stellt ihre „Normalität“ dar. Studien zeigen, dass weltweit sechs von zehn Kindern unter fünf Jahren Gewalt durch Bezugspersonen erleben[1].

Auch wenn viele Arten von Gewalt aus einer Überforderung heraus entstehen, ändert dies nichts an den Folgen für die Kinder.

Gewalt und ihre Folgen

Gewalt bedeutet einen massiven Stress für Kinder. Sie ist eine Bedrohung für das Bedürfnis nach Sicherheit und Geborgenheit und kann das Selbstvertrauen und die Resilienz von Kindern dauerhaft schädigen. Auch deren Fähigkeiten zu lernen und positive Beziehungen zu anderen aufzubauen können durch Gewalt negativ beeinflusst werden[1].

Als Reaktion auf die Gewalt, die Kinder erfahren, zeigen sie auch oft selbst gewalttätiges Verhalten gegenüber anderen[2]. Das betrifft nicht nur selbst erlebte Gewalt: Allein das Aufwachsen in einer Familie, in der es zu elterlicher Partnergewalt kommt, ohne dass die Kinder selbst Misshandlungen erfahren, erhöht das Risiko im Erwachsenenalter selbst Gewalt auszuüben.

Es ist also nicht nur wichtig, sich mit Gewalt von Erwachsenen gegenüber Kindern auseinanderzusetzen, sondern auch mit Gewalt von Kindern untereinander. Hier sind erwachsene Bezugspersonen besonders gefordert. Es braucht ein genaues Hinsehen, um zu differenzieren, ob es sich noch um etwas Entwicklungstypisches handelt oder ob vielleicht doch etwas anderes dahintersteckt.

Aggression – Konflikte – Gewalt

Aggression an sich ist erst einmal nichts „Schlechtes“, sondern allem voran ist sie der Ausdruck eines Bedürfnisses und gehört zur normalen Entwicklung von Kleinkindern dazu. Sie ermöglicht ein aktives, zielgerichtetes und energisches Handeln[3]. Aggression zu spüren, bedeutet einen Zugang zu den eigenen Gefühlen zu haben und die eigenen Grenzen zu spüren. Durch sie können wir uns selbst wehren und auch andere schützen.

Im Rahmen von Konflikten ist es jedoch wichtig, mit der gefühlten Aggression gut umzugehen. Das ist etwas, was Kinder im Kleinkindalter erst erlernen müssen, und dafür brauchen sie klare Regeln und Grenzen.

Den Umgang mit Aggressionen richtig zu meistern ist eine wichtige Lebenskompetenz, die wir alle lernen mussten. Lebenskompetenzen ermöglichen es uns, mit der Welt, unserem Leben und dessen Anforderungen zurechtzukommen und Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Sie sind Voraussetzung für ein gesundes, selbstbestimmtes und erfülltes Leben.

Aggression ist also ein Verhalten, das jeder Mensch in sich trägt und mitunter auch wichtige Funktionen erfüllt. Im Gegensatz dazu handelt es sich bei Gewalt um das bewusste Überschreiten von Grenzen anderer. Und auch wenn Kinder aufgrund ihrer Entwicklung erst mit der Zeit lernen, adäquat mit ihren Emotionen umzugehen, kann man ihnen eine klare Haltung zu Gewalt schon früh vermitteln und durch klare Grenzen die Kinder in diesem Lernprozess unterstützen.

Aber wie kann ich dieses Thema mit einem Kleinkind besprechen? Welche Möglichkeiten hat man als erziehende Person um zu verhindern, dass dem eigenen Kind Gewalt widerfährt? Was kann man tun, um Kinder von Beginn an zu stärken und sie resilienter gegenüber allen Formen von Gewalt zu machen?

Wenig Aufwand, große Wirkung – Einfache Kernaussagen für unsere Kinder

Kinder immer und überall vor Gewalt zu schützen, wird nie möglich sein, aber es gibt ein paar essenzielle Botschaften, die wir zu Hilfe nehmen können und die auch schon für kleine Kinder von großer Bedeutung sind.

Die „Möwe“ hat folgende 7 Merksätze[4] formuliert:

  1. Vertraue deinen Gefühlen: Es gibt schöne Gefühle und es gibt unangenehme Gefühle. Kinder sollten die Möglichkeit haben, alle Arten von Gefühlen ausdrücken zu können und dabei von Erwachsenen gut begleitet zu werden.
  2. Es gibt gute und schlechte Geheimnisse: Geheimnisse, die sich schlecht anfühlen, dürfen und sollen weitergesagt werden, denn das „Nicht darüber reden dürfen“ ist etwas, das bei Gewalt häufig vorkommt und diese unterstützt.
  3. Dein Körper gehört dir: Um für ihren Körper einstehen zu können, brauchen Kinder auch eine Sprache, mit der sie sich ausdrücken können. Schon am Wickeltisch können wir Kindern spielerisch die richtigen Worte für alle Teile ihres Körpers mitgeben und so ihre Körperwahrnehmung positiv unterstützen.
  4. Du darfst nein sagen: Wird das „Nein“ von Kindern häufig überhört oder nicht respektiert, werden sie schnell aufhören, für sich einzustehen. Manchmal ist es aber nicht möglich jedes „Nein“ zu respektieren (z.B. bei notwendigen ärztlichen Untersuchungen), hier ist es wichtig dem Kind im Anschluss zu erklären, warum das in dieser Situation trotzdem notwendig war.
  5. Es ist nicht alles richtig, was andere tun: Kinder übernehmen oft die Verantwortung, wenn sie Gewalt erfahren, aus Angst einen Fehler gemacht zu haben. Daher ist es von Bedeutung, dass sie lernen, dass auch Erwachsene und ältere Kinder und Jugendliche Fehler machen.
  6. Hol dir Hilfe, wenn dich etwas belastet: Kinder sind meist der Überzeugung, dass ihnen nicht geglaubt wird, was es ihnen schwer macht von Übergriffen zu erzählen. Die Aufgabe von Erwachsenen ist es daher, einem Kind immer zu glauben und Aufmerksamkeit zu schenken, wenn es von Gewalt berichtet.
  7. Gewalt ist nie in Ordnung! Auch dann nicht, wenn „Fehler“ gemacht wurden oder man „schlimm“ war.

Ein bedeutender Aspekt dieser Aussagen ist, auf die eigenen Gefühle zu vertrauen und die eigenen Grenzen zu erkennen und auch ernst zu nehmen.

Besonders Kleinkinder lernen viel durch Beobachtung. Wenn sie also sehen, wie ihre erwachsenen Bezugspersonen mit ihren Gefühlen und Grenzen umgehen, werden sie das zum Teil übernehmen. Für uns Erwachsene bedeutet das, das eigene Verhalten regelmäßig zu reflektieren und unsere Vorbildwirkung ernst zu nehmen.

Den Blick auch nach innen richten

Beim Schutz von Kindern sind die Erwachsenen gefordert und hier darf auch der kritische Blick auf sich selbst nicht fehlen. Eine regelmäßige Reflektion über unser eigenes Verhalten, vielleicht auch über die eigenen Erfahrungen aus der Kindheit, können schon viel dazu beitragen, dass mögliche Fehler erkannt werden und adäquat damit umgegangen wird.

Gewalt kann immer passieren, auch im eigenen zuhause und auch dann, wenn man alle Anstrengungen unternimmt, um seinem Kind ein liebevolles Aufwachsen zu ermöglichen. Das Wichtige ist der Umgang damit. Erkenne ich Gewalt, auch wenn sie von mir selbst kommt? Wie gehe ich damit um? Erkenne ich meinen Fehler und spreche ich mit meinem Kind darüber? Entschuldige ich mich bei meinem Kind? Liegt in meinem Verhalten vielleicht sogar ein Muster? Suche ich mir gegebenenfalls Hilfe?

All das sind Fragen, die man sich selbst stellen kann und auch muss, wenn man verantwortungsvoll mit dem Thema Gewalt umgehen möchte und die eigenen Vorbildfunktion ernst nimmt.

Denn, die Verantwortung für den Schutz von Kindern vor Gewalt jeglicher Art liegt immer bei den Erwachsenen!

QUELLEN:
[1] UNICEF, https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/gewalt-gegen-kinder-beenden/was-ist-gewalt-fragen-und-antworten#396840

[2] Beyli, M., Habermeyer, E. & Schmidt, C. Häusliche Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen: Implikationen für das Bedrohungsmanagement. Forens Psychiatr Psychol Kriminol 19, 21–28 (2025). https://doi.org/10.1007/s11757-024-00869-w

[3] Kinder und Jugendanwaltschaft Salzburg https://www.kija-sbg.at/fileadmin/_migrated/content_uploads/Ich-bin-anders-als-Du.pdf (2009)

[4] Möwe, https://die-moewe.at/gewaltpraevention/7-botschaften / (2026)

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